1. FC Bocholt will um die Spitze mitspielen
vom 13.08.2009Im Vorjahr sollte Ralf Bugla als neuer Trainer den freien Fall des einstigen Zweit- und Regionalligisten sowie jahrelangen Oberligisten 1. FC Bocholt stoppen. Fallschirm gezogen, Auftrag erfüllt: Platz fünf in der Endwertung ist angesichts einer umsortierten Mannschaft sehr ordentlich, aber keinesfalls überzubewerten. Der 1. FC musste lange nach unten schauen, der Abstand zu den besten Vier war immens.
Immerhin: Es tut sich etwas beim 1. FC. Nach einer Phase des Niedergangs ist eine kleine Grundlage geschaffen worden beim Traditions-club vom „Hünting“. Die zweite Mannschaft, jahrelang vernachlässigt als kickende Hobbytruppe, schaffte den Aufstieg in die B-Liga. Langfristig soll sie zum Unterbau werden. A-Jugendliche, wie aktuell Mohamed Mislemani und Niklas Gierkink, werden verstärkt in die erste Mannschaft eingebaut. Die Fanszene organisiert sich immer besser und wird zum „zwölften Mann“. Jüngst wurde ein Fan- und Förderverein gegründet.
In diesem Umfeld wird das Aushängeschild des Clubs nicht nachhinken dürfen. Touren über die Dörfer des Niederrheins, unter anderem nach Warbeyen (730 Seelen), Tönisberg (3500) oder Wesel schulen das heimatkundliche Wissen, dürften das treue Publikum, das in Oberligazeiten zu Auswärtsspielen die Stadtpläne von Essen, Wuppertal und Köln wälzte, indes nur wenig erfreuen. Es wurmt die FC-Seele, dass TuB Bocholt (Vorjahresdritter) mittlerweile dem 1. FC sportlich den Rang abgelaufen hat. Und Nachbar VfL Rhede, frisch aufgestiegen, sowieso. Die Geduld der Fans wird somit nicht ewig währen – die Aufenthaltserlaubnis für Coach Bugla in der Landesliga ist begrenzt.
Hamborn und Sonsbeck gehören für ihn zu den Titelanwärtern. Einen einseitigen Meisterschaftskampf wie im Vorjahr erwartet Bugla nicht: „Keine Mannschaft wird weglaufen.“ Damit der 1. FC den Anschluss nicht verliert, müsse sein Team „beständiger werden. Vor allem in den Heimspielen wollen wir wieder attraktiven Fußball zeigen.“ Bugla ist angesichts der Neuerwerbungen guter Dinge: „Wir haben sehr gute Spieler verpflichtet. Alle können die Mannschaft qualitativ verstärken.“
Höheres Niveau wurde vor allem für die Offensive benötigt, in der Giovanni Vaccarello zuletzt oft Alleinunterhalter war und überdies Schwächen im Abschluss offenbarte. Für mehr Treffsicherheit soll Stürmer Adin Alagic (21) von SuS Dinslaken sorgen. Er überzeugt Coach Bugla durch seinen Zug zum Tor. Alagic ist für zweistellige Torquoten gut, das hat er bei seinem Ex-Klub bewiesen. Dazu hat sich der 1. FC mit Nick Rottstegge Bocholts derzeit besten „Bomber“ geschnappt: Der erst 19-jährige Stürmer ist mit TuB Mussum Meister geworden und errang die BBV-Torjägerkanone. Trotz des für ihn großen Sprungs aus der Kreisliga A hat Rottstegge in den Tests bereits mehrfach zugeschlagen. Aus Klosterhardt wurde Philip Bauer verpflichtet, ein schneller, trickreicher Außen, der über links gegnerische Abwehrreihen aufreißen kann.
Gefüttert werden die Stürmer künftig nicht mehr allein vom „Zehner“ Nico Andreadakis. Hier wird der 1. FC flexibler. Mit Björn Bennies vom Verbandsligisten SuS Stadtlohn kommt ein offensiver Mittefeldstratege hinzu. Bugla schätzt nicht nur die fußballerische Fähigkeiten des 28-Jährigen: „Er kann eine Mannschaft führen.“
Kopfzerbrechen bereitet die linke Außenbahn. Eigentlich hatte der 1. FC Nedim Kesetovic von Jahn Hiesfeld an der Angel, berufliche Zwänge verhinderten jedoch ein Engagement. Die Absage hat Folgen: Kesetovic war fester Bestandteil einer geplanten Viererkette, die nun passé sein könnte. Bugla neigt eher zur 3-5-2-Grundformation, je nach Offensivausrichtung auch zum 3-4-3.
Sebastian Eul wird vor Torwart Tobias Ladermann den Abwehrchef geben, zusammen mit den Manndeckern Middelkamp/Charlier. Und zwar als Libero mindestens auf Linie, am besten davor, denn Eul soll von hinten den Aufbau steuern. Da Eul nach hinten rückt, werden im defensiven Mittelfeld Positionen frei, die den Kreativen den Rücken frei halten sollen. Die Neulinge Rolf Kampshoff (Olympia Bocholt) und Christoph Methling (VfL Rhede) können sich hier bewähren, wenngleich beide Spieler bei ihren vorherigen Stationen nicht nachhaltig überzeugten.
Vom Kader der „Schwatten“ darf also vor allem in der Offensive mehr erwartet werden als im Vorjahr. Jetzt kommt es auf Trainer Ralf Bugla an, der Landesliga-Fußballelf System und Stil zu vermitteln. Im Vorjahr stand der 47-Jährige selbst noch als Spielertrainer auf dem Platz, der seit Jahren angekündigte Rückzug auf die Trainerbank wurde immer wieder verschoben. Verantwortung auf andere delegieren und von außen steuern können gehört jedoch zu den Kernqualitäten eines Trainers. Diese Lektion ist bei Ralf Bugla noch nicht abgeschlossen.
(BBV, 13.08.2009)



