Der FC Bayern München am Hünting

1.FC hätte über 50.000 Karten absetzen können

Das DFB-Pokal-Viertelfinale im März 1984 bescherte dem 1. FC Bocholt eine mediale Aufmerksamkeit, die selbst die zwei Zweitligaspielzeiten in den Schatten stellte.


„Keine Zeitung, keine Sportsendung im Fernsehen oder Rundfunk, die sich nicht ausführlich mit dem Amateurklub aus dem Westmünsterland beschäftigt hätte. [….] Er hat schon alles gewonnen: Sympathie, Popularität - und viel Geld. Rund 150.000 Mark werden das Vereinssäckel aus Eintrittsgeldern und Werbeeinnahmen überquellen lassen. Eine gute Grundlage, um vielleicht sogar schuldenfrei in das auf dem Reißbrett konzipierte Unternehmen 2. Bundesliga zu gehen. Jubel, Trubel, Heiterkeit. Bocholt steht Kopf. Zu König Karneval gesellt sich heute König Fußball.“ (BBV)

Denn am 03.März 1984, also vor genau 26 Jahren, war der große FC Bayern München zu Gast am Bocholter Hünting. Aber nicht wie im Mai des Vorjahres zu einem Freundschaftkick sondern zum Viertelfinale im DFB-Pokal. Denn dahin hatte sich das Team von Trainer Rolf Müller nach Siegen u.a. gegen die Stuttgarter Kickers und den Erstligisten Eintracht Braunschweig vorgekämpft.

„FC Bayern kommt: 1.FC hätte über 50.000 Karten absetzen können“, titelte das Bocholter-Borkener Volksblatt im Vorfeld der Partie. Offiziell waren es dann die vom DFB zugelassenen 16350 Zuschauer am Hünting, inoffiziell sicher deutlich mehr.



Es hätte sogar das erste und einzige Live-Spiel in der Geschichte des Vereins werden können, aber der DFB verhinderte - aus Rücksichtnahme auf die Spiele in den Amateurligen an diesem Wochenende - eine Übertragung im WDR. Dennoch betrieben die Fernsehanstalten für damalige Zeiten einen nicht unerheblichen Aufwand:

„Kilometer von Kabeln werden verlegt, drei Übertragungswagen zwischen Tribüne und Radrennbahn postiert, eine Vielzahl an Kameras aufgebaut. Nach FC-Mitteilung rückt das Zweite Deutsche Fernsehen mit vier Kameras an, der Westdeutsche Rundfunk stellt fünf Kameras auf, drei davon im Innenraum.“

Das Ergebnis dieses Aufwandes ist u.a. der Bericht der ARD-Sportschau, den Sie im FC.tv finden.

(Kicker) Glück gehabt, Bayern München! Der Amateur-Oberligist 1. FC Bocholt lieferte im Kampf„David gegen Goliath” eine hervorragende Partie und hätte beinahe eine Verlängerung erzwungen. Daß es nicht dazu kam, konnten die Bayern ihrem Keeper Jean-Marie Pfaff verdanken, der in der Endphase zwei gefährliche Aktionen von Tönnies und Ricken entschärfte.
Die Bayern profitierten von dem schnellen Führungstor durch Dieter Hoeneß, der eine Flanke von Dremmler verwertete. Für die Münchner geradezu ideal, daß sie dieses Tor vorlegen konnten, denn dadurch kam zunächst Ruhe und Übersicht in ihr Spiel. Für die Bocholter war dieser Treffer dagegen Gift. Sie kamen von Anfang an nicht auf Touren, wie sich die Mannschaft und wie sich die vielen Fans das vorgestellt hatten. In der ersten Halbzeit zeigten die Amateure zuviel Respekt vor großen Namen, so daß die Bayern in Ruhe ihr Spiel aufziehen konnten.

Als Sekunden vor der Pause Nachtweih mit einem satten 25-Meter-Schuß, der von einem Pfosten zum anderen und dann ins Tor prallte, auch noch Erfolg hatte, und die Bayern mit 20 führten, schien diese Partie bereits vorzeitig entschieden.
Doch es kam ganz anders! Genau wie die Bayern vor der Pause, so erzielten die Bocholter unmittelbar nach dem Wechsel sofort einen Treffer. Holz zu Ricken, Ricken zu Tönnies und drin war der Ball! Plötzlich stand es nur noch 1:2. Die Bocholter bekamen „Rückenwind", bliesen pausenlos zum Angriff und stürzten die Bayern von einer Verlegenheit in die andere. Mehrmals sah die Bayern-Abwehr katastrophal schlecht aus. Nur mit viel Dusel retteten Rummenigge & Co.das 2:1 über die Zeit. [...]





BBV-Bericht 04.03.1984: 18000 Zuschauer sorgten am Bocholter Hünting für Volksfest-Stimmung
Der Verlierer ging als moralischer Sieger vom Platz / Standing Ovations von den Rängen

Gut 18.000 Zuschauer begleiteten ihre Mannschaft mit minutenlangem, prasselnden Beifall in die Kabinen, und das, obwohl der 1. FC Bocholt zuvor von der Profitruppe des FC Bayern München mit 2:1 besiegt und somit im Viertelfinale des DFB-Vereinspokals als letzter Amateurvertreter gestoppt worden war. Über 90 Minuten hatte das Starensemble aus der bayerischen Metropole das Geschehen auf dem gut bespielbaren Rasen am Bocholter Hünting nicht diktieren können. Stattdessen präsentierte sich der Tabellenführer der Oberliga Nordrhein als durchaus ebenbürtiger Gegner. So blieb den Bocholtern am Ende neben dem Nettogewinn von über 100.000 Mark aus den Einnahmen auch die Genugtuung, den mehrfachen deutschen Meister an den Rande einer Niederlage gebracht zu haben. Hoeneß befand sich beim eingewechselten Gebauer in bester Obhut, Nationalstürmer Rummenigge wurde von Schütte zum Statisten degradiert. Als Bocholt nach gut 30 Minuten auch im Mittelfeld die Scheu vor den großen Namen ablegte, entwickelte sich ein typischer Pokalfight, bei dem Klassenunterschiede kaum noch auszumachen waren. Die Platzherren besannen sich auf ihre Kampfkraft, und blieben im Duell Mann gegen Mann immer häufiger Sieger.
Den Bayern fehlte nicht nur die nötige Einstellung, sondern auch das richtige Rezept gegen diese Bocholter Tugenden. "Wir haben begonnen wie die Weltmeister, und aufgehört wie die Hausmeister", konstatierte Bayern-Trainer Udo Lattek nach dem Abpfiff. Dem Gegner bescheinigte er eine ausgezeichnete Leistung, mit der die angestrebte Meisterschaft geschafft werden sollte.




Impressionen vom Spiel:


Fallschirmspringer bringt den Ball zum Anstoß ins Stadion


Karl-Heinz Rummenigge am Hünting


Der brechend volle Hünting


Jean-Marie Pfaff


Pressekonferenz mit Udo Lattek



Die nackten Fakten:
1. FC Bocholt - FC Bayern München 1:2 (0:2)
Tore: 0:1 Hoeneß (2.), 0:2 Nachtweih (45.), 1:2 Tönnies (46.)
Zuschauer: 16.350

Aufstellung
1. FC Bocholt : Tilner - Schütte, Schulz, Mazany (10./Gebauer), Niggemann, Reichel (78./Haßenberg), Meyer, Heitkamp, Holz, Ricken, Tönnies
Bayern München : Pfaff - Dremmler, Augenthaler, Dürnberger, Beierlorzer, Nachtweih, Kraus, Lerby, Pflügler, Hoeneß, K.H. Rummenigge